Trauma und Perspektiven für die Resozialisierung

Traumata sind bei Personen mit Inhaftierungsgeschichte fast allgegenwärtig. Sie beginnen schon in der Kindheit, setzen sich im Erwachsenenalter fort und bestehen auch während und nach der Haft weiter. Seit Jahrhunderten ist bekannt, dass Traumata die soziale, psychische und biologische Funktionsfähigkeit beeinträchtigen können. Zahlreiche Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Trauma und Kriminalität sowie Strafvollzug. Traumasensible Resozialisierung ist der zukünftige Goldstandard bei der Reintegration. Dieser Artikel untersucht die Verbreitung und Folgen von lebenslangen traumatischen Erfahrungen bei Personen, die aus der Haft entlassen werden. Außerdem werden bestehende Studien zu Trauma-Interventionen diskutiert. Der Artikel endet mit einer Vision für traumasensible Resozialisierung, Strategien zu ihrer Umsetzung, einem Forschungsprogramm und Überlegungen zur Debatte.

Verbreitung von Traumata

Fast alle Personen mit Inhaftierungsgeschichte berichten mindestens ein Trauma vor ihrer Inhaftierung. ACEs (negative Erfahrungen in der Kindheit) sind ebenfalls sehr verbreitet: 81 – 84 % der inhaftierten Jugendlichen gaben mindestens einen ACE an. Erwachsene berichten im Durchschnitt 4-5 verschiedene ACEs. Traumatische Erfahrungen setzen sich während der Haft fort, sowohl selbst erlebt als auch miterlebt. Etwa 13 – 40 % der Inhaftierten erleben selbst Gewalt, meist durch das Personal. Auch nach der Entlassung kommen weitere Traumata hinzu: 47 % erleben innerhalb von 8 Monaten mindestens ein traumatisches Ereignis.

Folgen von Traumata

Unerkannte und unbehandelte Traumata können zu Inhaftierung und Rückfälligkeit führen, da sie Aggression, Impulsivität und Risikoverhalten erhöhen. Sie erklären zum Teil die hohe Prävalenz psychischer und Suchterkrankungen unter Inhaftierten. Traumata verändern Gehirnstrukturen und -prozesse, was Emotionen und Verhalten beeinträchtigt. Symptome wie Hypervigilanz, Alpträume und Vermeidungsverhalten erschweren die Resozialisierung. Eine frühe Identifikation und Behandlung von Traumata könnte daher Kriminalität und Inhaftierung vorbeugen.

Forschung zu Trauma-Interventionen

Viele Studien konzentrieren sich auf frauenspezifische Ansätze, da Traumata als Hauptursache für die Inhaftierung von Frauen gelten. Jedoch berichten inhaftierte Männer ähnlich hohe Traumatisierungsraten. Bei Männern zeigten Trauma-Interventionen wie Seeking Safety und Men’s Trauma Recovery and Empowerment Model positive Effekte. Exploring Trauma, ein Kurs zur Psychoedukation und Stärkung der Bewältigungskompetenz, verbesserte bei inhaftierten Männern Angst, Depression und psychische Gesundheit. Die meisten Studien finden während der Haft statt. Kaum etwas ist über Interventionen während der Reintegration bekannt. Hier setzt die laufende Studie zum Resiliency in Stressful Experiences (RISE)-Programm an.

Theoretische Ansätze

Das Gendered Pathways Model betont die Bedeutung von Traumata und Suchtproblemen für den Weg von Frauen in die Kriminalität. Für Männer entwickelten Pettus-Davis et al. ein Trauma-Based Reentry Framework, das evidenzbasierte Trauma-Interventionen an die unsichere Umgebung von Haft und Reintegration anpasst. Der Post-Traumatic Growth-Ansatz sieht neben der Traumaverarbeitung die Förderung von Wachstum und Resilienz als Ziel.

Zukunftsaussichten für die Reintegration

Traumasensible Reintegration sollte der neue Standard werden, da fast alle Inhaftierten Traumata erfahren. Unbehandelte Traumata behindern die erfolgreiche Reintegration und erhöhen das Rückfallrisiko. Traumasensible Reintegration umfasst:

  • Verständnis der Auswirkungen von Trauma
  • Vermeidung von Retraumatisierung
  • Förderung von Sicherheit und Selbstbestimmung
  • Blick auf Wachstum statt Pathologie

 

Sie beginnt bereits bei der Aufnahme in die Haft. Bestehende Programme müssen angepasst werden, z.B. durch Integration von Deeskalations- und Stressbewältigungsstrategien. Es braucht Schulungen für Justizpersonal sowie individuelle statt gruppenbasierte Angebote. Die Bewährungshilfe muss Traumata bei der Unterstützung und bei Erwartungen an Probanden berücksichtigen.

Forschungsbedarf

Da wenige Interventionsstudien vorliegen, sollten Kernkomponenten eines traumasensiblen Ansatzes identifiziert werden. Die Implementierungsforschung kann helfen, entsprechende Programme in der Praxis zu verankern. Zu klären sind u.a. intergenerationale, rassistische und kulturelle Traumata, die Rolle körperlicher Gesundheit, geeignete Peer-Konzepte und Unterstützung für Fachkräfte. Die Bedingungen von Haft und Bewährung müssen so gestaltet werden, dass sie Traumata nicht verstärken.

Traumasensible Reintegration ist anspruchsvoll, aber angesichts der Verbreitung und Folgen von Traumata unter Inhaftierten unerlässlich. Trotz offener Fragen ist die Entwicklung vielversprechend und sollte evidenzbasiert vorangetrieben werden.

Literatur:

Pettus, Carrie A. (2023): Trauma and Prospects for Reentry. Annual Review of Criminology 2023 6(1), S. 423-446. https://doi.org/10.1146/annurev-criminol-041122-111300

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