Objektive Hermeneutik: Erklärung und Anwendung in der Bachelorarbeit

Die Objektive Hermeneutik, entwickelt von Ulrich Oevermann, ist eine sozialwissenschaftliche Forschungsmethode zur Textinterpretation. Sie zielt darauf ab, den Interpretationsakt als zentralen Bestandteil einer sinnverstehenden Wirklichkeitsforschung anhand intersubjektiv überprüfbarer Kriterien durchzuführen. Diese Methode basiert auf der Annahme, dass Texte als “Protokolle der Wirklichkeit” fungieren und Zugang zu einer sinnhaften Weltstruktur bieten.

Zentral für die objektiv-hermeneutische Analyse ist die methodische Kontrolle und Überprüfbarkeit. Dies gründet auf der Regelgeleitetheit sozialen Handelns, wobei die Welt regelbasiert ist und diesen Regeln Bedeutung und Handlungsspielraum für Subjekte verleiht. Handlungen werden vor dem Hintergrund dieser Regeln und der nicht gewählten Handlungsalternativen interpretiert. Der Prozess der Interpretation umfasst die Rekonstruktion der Fallstruktur einer Interaktion durch sequentielle Analyse der Handlungsalternativen und ihrer möglichen Anschlüsse.

Die objektiv-hermeneutische Textinterpretation folgt verschiedenen Prinzipien:

  1. Kontextfreiheit: Zunächst erfolgt eine Interpretation unabhängig von den konkreten Kontextbedingungen. Dies gewährleistet eine unvoreingenommene Analyse und erlaubt später, den realen Kontext kontrastierend einzubeziehen.
  2. Wörtlichkeit: Die Texte werden wörtlich genommen, um die latente Sinnstruktur nicht zu verlieren und methodologische Kontrolle zu gewährleisten.
  3. Sequentialität: Die Interpretation folgt dem Ablauf des Textes und berücksichtigt die Position der einzelnen Teile in der gesamten Abfolge.
  4. Extensivität: Die Sinnstruktur ist in jedem Teil des Textes rekonstruierbar, weshalb nicht das gesamte Datenmaterial analysiert werden muss, sondern ein Teil ausführlich interpretiert wird.
  5. Sparsamkeit: Die Interpretation beschränkt sich auf Lesarten, die sich direkt aus dem Text ableiten lassen, ohne zusätzliche Spekulationen zu erfordern.

 

Somit eröffnet die Objektive Hermeneutik einen Zugang zur latenten Sinnstruktur von Interaktionen und Handlungen, indem sie den Fokus auf die Rekonstruktion der Regelhaftigkeit und der dahinterliegenden Strukturen legt.

Anwendung

Ein Beispiel für die Anwendung der Objektiven Hermeneutik könnte die Analyse eines Transkripts aus einem Familiengespräch sein, bei dem es um die Entscheidung geht, ob ein Familienmitglied eine berufliche Chance in einer anderen Stadt wahrnehmen soll. Hierbei würde die objektiv-hermeneutische Methode wie folgt angewendet:

1. Einführung

    • Kurze Einführung in die Grundprinzipien der Objektiven Hermeneutik.

2. Theoretischer Hintergrund:

    • Detaillierte Erörterung der Objektiven Hermeneutik, ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer theoretischen Grundlagen.
    • Diskussion relevanter Literatur und vorheriger Forschungsarbeiten, die ähnliche Methoden verwendet haben.

3. Methodologie:

    • Ausführliche Beschreibung des methodischen Ansatzes, einschließlich der Schritte der Objektiven Hermeneutik (kontextfreie Interpretation, wörtliche Interpretation, sequentielle Analyse, extensive Interpretation, Sparsamkeitsprinzip).
    • Darstellung des Analyseprozesses, einschließlich der Auswahl des Textmaterials (z.B. Interviews, Transkripte, Dokumente) und der genauen Vorgehensweise bei der Analyse.

 4. Analyse:

    • Präsentation der Ergebnisse der Textanalyse, wobei jeder Schritt der Objektiven Hermeneutik einzeln dargestellt wird.
    • Demonstration, wie aus den Texten Bedeutungen und Strukturen extrahiert wurden, mit Beispielen und Zitaten aus dem analysierten Material.
    • Diskussion der Ergebnisse in Bezug auf die Forschungsfrage.5.

5. Diskussion und Reflexion:

    • Kritische Auseinandersetzung mit den Ergebnissen im Kontext der vorhandenen Literatur und Forschung.
    • Diskussion der Limitationen der Studie und der Methode.
    • Reflexion über den Beitrag der Arbeit zum Verständnis des Forschungsthemas und der Objektiven Hermeneutik.

6. Fazit und Ausblick:

    • Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse.
    • Schlussfolgerungen in Bezug auf die Forschungsfrage.
    • Vorschläge für weitere Forschung und mögliche Anwendungen der Ergebnisse.

7. Anhänge und Literaturverzeichnis:

    • Zusätzliche Materialien wie vollständige Transkripte, detaillierte Analyseprotokolle.
    • Vollständiges Literaturverzeichnis, das alle zitierten Quellen enthält.

 

Die Darstellung sollte darauf abzielen, den analytischen Prozess transparent und nachvollziehbar zu machen, und die Ergebnisse sollten in einer Weise präsentiert werden, die ihre Relevanz für die Forschungsfrage deutlich macht.

Was gehört in den Anhang?

Beispiel: Analyseprotokoll

Transkriptstelle: “Das ist eine große Chance für dich.”

Kontextfreie Interpretation:

  • Interpretation 1: Die Aussage könnte als Ermutigung verstanden werden, eine neue Herausforderung anzunehmen.
  • Interpretation 2: Möglicherweise wird hier auch Druck ausgeübt, eine Gelegenheit zu ergreifen, die als wichtig angesehen wird.

Wörtliche Interpretation:

  • Der Sprecher bezeichnet die Situation ausdrücklich als “große Chance”, was auf eine positive Bewertung hindeutet.

Sequentielle Analyse:

  • Vorherige Aussage: “Sie haben mir einen Job in Berlin angeboten.”
  • Nachfolgende Aussage: “Aber was ist mit uns hier?”
  • Die Aussage “Das ist eine große Chance für dich” scheint als direkte Reaktion auf das Jobangebot zu stehen und wird von einer besorgten Reaktion gefolgt.

Extensive Interpretation:

  • Diese Aussage könnte darauf hinweisen, dass der Sprecher den beruflichen Aspekt über familiäre Bindungen stellt.

Sparsamkeitsprinzip:

  • Die Interpretation konzentriert sich darauf, dass die Aussage als Anerkennung der beruflichen Möglichkeit verstanden wird, ohne zusätzliche Spekulationen über die Beziehungsdynamik in der Familie.

Beispiel: Kodierungsschema

Kodierung

Beschreibung

Beispiel aus dem Transkript

Berufliche Chance

Aussagen, die sich auf berufliche Möglichkeiten beziehen.

“Das ist eine große Chance für dich.”

Familiäre Bindung

Aussagen, die sich auf familiäre Beziehungen und Bedenken beziehen.

“Aber was ist mit uns hier?”

Ermutigung

Aussagen, die Unterstützung oder Ermutigung ausdrücken.

“Du solltest diese Gelegenheit nicht verpassen.”

Besorgnis

Aussagen, die Sorge oder Bedenken ausdrücken.

“Ich mache mir Sorgen, wie wir das schaffen werden.”

In diesem Kodierungsschema werden spezifische Themen oder Aspekte des Gesprächs identifiziert und kategorisiert. Dies hilft, Muster und Schwerpunkte in der Kommunikation zu erkennen und zu analysieren.

Literatur

Ulrich Oevermann, Tilman Allert, Elisabeth Konau, Jürgen Krambeck: (1979). Die Methodologie einer „objektiven Hermeneutik“ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Metzler, Stuttgart 1979, S. 352–434.