Die historische Entwicklung: Von der Massenmedien- zur postdigitalen Gesellschaft

Der Artikel von Engel und Kerres (2023) zeichnet zunächst die historische Entwicklung von der Massenmediengesellschaft der 1970er Jahre über die Digitalisierung bis hin zu einer heutigen “postdigitalen Kultur” nach. Ausgangspunkt ist dabei die institutionelle Begründung des Konzepts der “Medienkompetenz” durch Dieter Baacke. Dieses gilt als Bedingung für gesellschaftliche Teilhabe und Mitgestaltung in einer von Massenmedien geprägten Welt.

Im Zuge der Digitalisierung verschmolzen dann Massenmedien und Individualmedien im Internet. Es kam zu konvergenten Medienangeboten und neuen Akteurskonstellationen in sozialen Medien. Digitale Technik durchdringt mittlerweile nahezu unsichtbar und selbstverständlich analoge und digitale Lebensbereiche. Damit verbunden sei ein Kontrollverlust des Menschen angesichts der Wirkmächtigkeit algorithmischer Systeme.

  • 1970er Jahre: Die Ära der Massenmedien war gekennzeichnet durch zentralisierte Informationsquellen wie Fernsehen, Radio und Printmedien.
  • Digitalisierung: Diese brachte eine Verschmelzung von Massen- und Individualmedien mit sich, was durch das Aufkommen des Internets deutlich wurde. Hier entstanden neue Formate und Kommunikationswege.
  • Postdigitale Kultur: Heute erleben wir eine Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen digitalen und analogen Medien verschwimmen. Digitale Technologien sind integraler Bestandteil des täglichen Lebens.

Digitale Technik als wirkungsmächtiger Akteur

Digitale Technik wird in der aktuellen Situation nicht mehr nur als Medium gesehen, sondern entfaltet als Software, Plattform oder Infrastruktur eine eigene Wirkmächtigkeit. Sie filtert, sortiert, aggregiert und bewertet Informationen, generiert eigene Inhalte und beeinflusst somit maßgeblich die Wahrnehmung der Menschen.

In dieser umfassenden Durchdringung und Verschränkung von analoger und digitaler Sphäre liegt für den Text die zentrale Herausforderung: Der Mensch gibt die Kontrolle über Informationsströme und -verarbeitung zunehmend an digitale Systeme ab und ist selbst Gegenstand von Analyse, Kategorisierung und Beeinflussung durch jene.

Als essentielle Erkenntnis leitet der Artikel daraus ab, dass digitale Technik nicht mehr nur als Medium und Werkzeug des Menschen angesehen werden kann, sondern als aktiver Mitgestalter von Wirklichkeit begriffen werden muss. Sie beeinflusst als algorithmischer Akteur maßgeblich die Wahrnehmung und das Handeln des Menschen. Damit kommt es zu einer geteilten Handlungsmacht zwischen Mensch und Technik.

Die Notwendigkeit einer relationalen Bildungstheorie

Vor diesem Hintergrund reicht für den Text eine Bildungstheorie nicht mehr aus, die auf dem Konzept der Souveränität und Autonomie des Individuums fußt. Stattdessen sei Bildung neu in einem relationalen und prozessualen Sinn zu denken. Nicht mehr der Mensch stehe einseitig im Zentrum, vielmehr gehe es um die wechselseitigen Adressierungen und Anrufungen zwischen Mensch und Technik.

Die Technik beobachte, analysiere und kategorisiere selektiv den Menschen und präge so seine Wahrnehmung. Umgekehrt nutze und adressiere der Mensch die Technik auf bestimmte Weisen. In diesem interaktiven Prozess zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren käme es zu einer geteilten Handlungsmacht (Agency) und damit zu neuen, hybriden Formen der Subjektwerdung.

Fazit: Mensch und Technik neu denken

Eine solche postdigitale, relationale Sicht könne helfen, die Frontstellung zwischen Mensch und Technik aufzulösen. Es gehe nicht um einfache Unterwerfung oder Beherrschung, sondern um neue Formen des ko-konstitutiven Zusammenspiels, in denen beide „Akteure“ Handlungsmacht besitzen und einander bedingen. Die damit verbundenen Fragen und Herausforderungen gilt es für eine zeitgemäße, relationale Bildungstheorie produktiv aufzugreifen.

Literatur

Engel, J., & Kerres, M. (2023). Bildung in der Nächsten Gesellschaft – Eine postdigitale Sicht auf neue Formen der Subjektivierung. Ludwigsburger Beiträge Zur Medienpädagogik23, 1–13. https://doi.org/10.21240/lbzm/23/04