Persönlichkeitstypen und Unternehmertum: Neue Erkenntnisse zur Rolle von Widerstandsfähigkeit

In der Psychologie hat sich das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit, die sogenannten Big Five, als Standard durchgesetzt. Die Big Five umfassen die Dimensionen Extraversion, Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität, Offenheit und Verträglichkeit. Viele Studien haben untersucht, inwiefern diese fünf Persönlichkeitsfaktoren die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, ein Unternehmen zu gründen oder sich selbstständig zu machen.

Bisherige Befunde: Extraversion und Offenheit erhöhen Gründungswahrscheinlichkeit

Gemäß dem trait-basierten Ansatz wurde dabei jeder Persönlichkeitsfaktor einzeln betrachtet. Die bisherigen Studien fanden heraus, dass höhere Werte in Extraversion und Offenheit die Eintrittswahrscheinlichkeit in die Selbständigkeit erhöhen. Emotionale Stabilität und Gewissenhaftigkeit zeigen einen schwächeren Effekt in die gleiche Richtung. Uneinigkeit besteht bezüglich der Verträglichkeit: Manche Studien gehen von einem negativen Einfluss aus, andere finden keinen Effekt.

Personenzentrierter Ansatz: Persönlichkeitsprofile und -typen

Neben dem trait-basierten Ansatz gibt es in der Persönlichkeitsforschung den personenzentrierten Ansatz. Dieser betrachtet keine einzelnen Persönlichkeitsmerkmale isoliert, sondern deren Kombination innerhalb einer Person. Konkret werden Persönlichkeitsprofile und -typen identifiziert. Profile beschreiben eine idealtypische Konfiguration der Big Five, die häufig bei Unternehmern zu finden sei. Persönlichkeitstypen sind empirisch nachgewiesene Kombinationen der Big Five innerhalb von Individuen.

 

Studie untersucht Persönlichkeitstypen in Bezug auf Selbständigkeit

Die neue Studie von Runst und Thomä wendet nun erstmals den Ansatz der Persönlichkeitstypen konsequent auf die Unternehmensgründung an. Dazu analysieren die Autoren Daten des Sozioökonomischen Panels, einer repräsentativen Längsschnittstudie in Deutschland. Mithilfe statistischer Verfahren identifizieren sie drei Persönlichkeitstypen:

  • Unter-Kontrolleure: niedrige Werte in allen Big Five
  • Über-Kontrolleure: hohe Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit
  • Widerstandsfähige: hohe Werte in allen Big Five

Resiliente Persönlichkeit erhöht Selbständigkeitswahrscheinlichkeit

Im nächsten Schritt untersuchen die Forscher, ob die Persönlichkeitstypen die Wahrscheinlichkeit der Selbständigkeit beeinflussen. Ihre ökonometrischen Analysen zeigen, dass der widerstandsfähige Typ die Eintrittswahrscheinlichkeit in die Selbständigkeit im Vergleich zu den anderen Typen deutlich erhöht. Die Autoren schlussfolgern, dass eine resiliente Persönlichkeit, die sich durch hohe Ausprägungen in allen Big Five auszeichnet, für Unternehmertum besonders vorteilhaft ist.

Erklärung: Widerstandsfähigkeit kombiniert wichtige Eigenschaften

Die Autoren erklären dieses Ergebnis damit, dass der widerstandsfähige Typ wichtige Eigenschaften für erfolgreiches Unternehmertum vereint: Extraversion und Verträglichkeit fördern die Netzwerkbildung, Gewissenhaftigkeit die zielstrebige Umsetzung, emotionale Stabilität die Belastbarkeit und Offenheit die Innovationsbereitschaft. Somit scheint Widerstandsfähigkeit eine Art Metakompetenz für die Herausforderungen der Selbständigkeit darzustellen.

Fazit: Widerstandsfähigkeit sollte in Beratung beachtet werden

Die Studie zeigt, dass Persönlichkeitsaspekte als ein Faktor unter vielen bei der Entscheidung für oder gegen Selbständigkeit betrachtet werden sollten. Jedoch weist sie auch darauf hin, dass Berater ihre Einschätzung von Gründungswilligen nicht nur auf deren Ähnlichkeit mit einem unternehmerischen Idealprofil stützen sollten. Vielmehr sollte auch eine resiliente Persönlichkeitsstruktur positiv bewertet werden. So kann vermieden werden, dass das Potenzial mancher Gründer übersehen wird. Insgesamt erweitert die Arbeit von Runst und Thomä unser Verständnis der Rolle von Persönlichkeit für Unternehmertum durch ihren innovativen, personenzentrierten Ansatz.

Literatur

Runst, P. & Thomä, J. Resilient entrepreneurs? — revisiting the relationship between the Big Five and self-employment. Small Bus Econ 61, 417–443. https://doi.org/10.1007/s11187-022-00686-7