Toxische Männlichkeit: Eine ausführliche Begriffsgeschichte

Der Begriff “toxische Männlichkeit” ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Schlagwort in der Gender-Debatte avanciert. Doch seine Herkunft und Bedeutung sind keineswegs eindeutig. In einer neuen Studie beleuchtet die Sprachwissenschaftlerin Gisela Zifonun die facettenreiche Geschichte des Ausdrucks und seine Verwendung in gesellschaftlichen Diskursen.

Die ersten Belege in der deutschen Sprache

Erstmals ist der Begriff “toxische Männlichkeit” in schriftlichen Quellen der deutschen Sprache im Jahr 2001 nachweisbar, wie eine Analyse des digitalen Archivs “DeReKo” zeigt. Damit wurde er entgegen verbreiteter Annahmen nicht vom britischen Journalisten Jack Urwin geprägt. Dessen Buch “Boys Don’t Cry” erschien erst 2017 und trug dann zur Popularisierung bei. Vielmehr sickerte der Terminus offenbar schon früher aus akademischen Disziplinen wie Soziologie, Psychologie und Gender Studies in das deutsche Feuilleton ein.

Eine Schlüsselrolle bei der steilen Karriere des Schlagworts in jüngerer Zeit spielte ein Werbespot des Rasierklingenherstellers Gillette aus dem Jahr 2019. Der Clip, der toxische Männlichkeit anprangerte und Männer zur Besserung aufrief, löste einen Shitstorm in sozialen Netzwerken aus und beförderte so die Verbreitung des Begriffs. Seitdem hat seine Verwendung sprunghaft zugenommen.

Wandelnde Bedeutung und Akteurszuschreibungen

Inhaltlich hat sich das Verständnis von toxischer Männlichkeit im Laufe der Zeit stark gewandelt. Zunächst wurde damit vor allem ein Verhalten von unsicheren und gekränkten Männern bezeichnet, die in Alkohol und Suizid flüchten. Mit der #MeToo-Debatte rückten jedoch zunehmend machtgewohnte Männer in Führungspositionen in den Fokus, die ihre Macht missbrauchen, um Frauen zu belästigen oder auszunutzen.

Auch die zugeschriebenen Akteure haben sich verschoben: War es anfangs die “Lad Culture” der unteren sozialen Schichten, gerieten später reiche Geschäftsmänner und Politiker ins Visier. Zugleich wurde der Begriff zunehmend auch auf Muslime und Menschen mit Migrationshintergrund angewandt. Insgesamt zeigt die Untersuchung, wie diffus und beliebig der Begriff mitunter verwendet wird.

Zwischen Empörung und Verständnis

Die individuellen Einschätzungen und Reaktionen reichen von Empörung und der Forderung nach Bestrafung bis hin zu Verständnis und Therapievorschlägen. Während manche “toxische Männer” am liebsten verprügeln würden, suchen andere nach Alternativen und plädieren für neue Männlichkeitsbilder.

Die Gillette-Werbung propagierte fürsorgliche Väter, auch Jesus wurde als Vorbild eines “detoxifizierten” soften Mannes ins Spiel gebracht. Andere sehen in den Grünen eine politische Kraft, die einen Gegenentwurf zur toxischen Männlichkeit verkörpert. Insgesamt bleibt die Suche nach Gegenmitteln aber oft diffus.

Prominente toxische Männer in Kultur und Politik

Als Repräsentanten toxischer Männlichkeit werden in Debatten eine Fülle realer und fiktiver Figuren angeführt, von Anthony Quinn in “La Strada” über den Kapitän Ahab in “Moby Dick” bis zu Trump und Putin. Auch in Inszenierungen klassischer Dramen von Schiller, Kleist oder Hofmannsthal werden Protagonisten jetzt mit dem Etikett der toxischen Männlichkeit versehen. Manche sehen gar Goethe und Schiller als Teil einer “toxischen Tradition”.

Doch ist Männlichkeit grundsätzlich toxisch? Für manche stehen Männer unter Generalverdacht. Anderen geht der Begriff selbst schon zu weit. Fest steht: Als Modewort könnte die toxische Männlichkeit ihren Zenit schon überschritten haben. Doch das Adjektiv “toxisch” dürfte sich in der Debatte halten und weitere Bereiche erobern.

Fazit: Ein Schlüsselbegriff auf dem Prüfstand

Die Studie von Gisela Zifonun gibt einen umfassenden Überblick über die facettenreiche Geschichte und Verwendung des Begriffs “toxische Männlichkeit”. Sie zeigt, wie sich dessen Bedeutungsgehalt im Laufe der Zeit gewandelt hat und für unterschiedliche Akteure Verschiedenes bedeuten kann.

Damit liefert die Analyse wichtige Erkenntnisse für eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Schlüsselbegriff der Gender-Debatte. Auch wenn der Terminus selbst aus der Mode kommen sollte, werden die zugrundeliegenden gesellschaftlichen Probleme uns weiter beschäftigen. Die Arbeit leistet einen Beitrag zu einer informierten Diskussion, die nicht von Moden und Emotionen getrieben sein sollte.

Literatur:

Zifonun, Gisela (2023): Das Toxische und die Männlichkeit. Sprachreport, 39, Nr. 3, S. 1-6. Zifonun_Das_Toxische_2023.pdf (bsz-bw.de)

 

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