Zirkuläres Dekonstruieren: Alternative zur Qualitativen Inhaltsanalyse?

Während das zirkuläre Dekonstruieren einen tieferen, subjektiveren und iterativen Ansatz zur Textanalyse darstellt, ist Mayrings qualitative Inhaltsanalyse systematischer, objektiver und auf die Strukturierung und Reduktion von Daten ausgerichtet. Beide Methoden haben ihre Stärken und sind je nach Forschungsziel und -kontext unterschiedlich gut geeignet.

Die Analyse von Interviews in der qualitativen Forschung kann eine komplexe Herausforderung darstellen. Eine effektive Methode, um diese Herausforderung zu meistern, ist das zirkuläre Dekonstruieren. Dieser Ansatz ermöglicht es, tief in die Struktur und den Inhalt von Interviews einzutauchen, um ein umfassendes Verständnis der darin enthaltenen Informationen zu erlangen. 

1. Formulierung eines Mottos für den Text

Der erste Schritt des zirkulären Dekonstruierens beginnt mit der Formulierung eines Mottos für das Interview. Dies kann ein prägnanter Satz aus dem Text sein oder ein subjektiv formulierter Satz, der den Gesamteindruck des Textes zusammenfasst. Dieser Schritt ist entscheidend, da er eine emotionale Verbindung zum Material herstellt und hilft, den Text mit dem Interviewten zu verknüpfen. Ein treffendes Motto erleichtert nicht nur die Erinnerungsarbeit, sondern schafft auch eine persönliche Beziehung zum Material. Es dient als emotionaler Ankerpunkt, der den Forschenden hilft, sich während des gesamten Analyseprozesses auf das Wesentliche zu konzentrieren.

2. Zusammenfassende Nacherzählung

Im zweiten Schritt wird das Interview auf das Wesentliche reduziert und in einer maximal zwei Seiten umfassenden Nacherzählung zusammengefasst. Diese Zusammenfassung hilft, das Material zu straffen und erste Interpretationsschwerpunkte zu setzen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass diese Nacherzählungen subjektiv sind und nicht unbedingt “die Wahrheit” darstellen, sondern vielmehr einen konsensuellen oder kulturellen Verständnisrahmen bieten. Durch die Reduzierung auf das Wesentliche sind die Forschenden gezwungen, sich auf die zentralen Aspekte des Interviews zu konzentrieren und diese klar und prägnant darzustellen.

3. Die Stichwortliste

Der dritte Schritt beinhaltet das Erstellen einer Stichwortliste. Hier werden alle auffälligen und gehaltvollen Worte oder Begriffe des Textes chronologisch aufgelistet. Diese Liste dient dazu, den Text weiter zu straffen und erste spontane Interpretationsansätze zu ermöglichen. Dieser Schritt ist besonders wichtig, um ein Gefühl für die Sprache und die Terminologie des Interviewten zu entwickeln. Es hilft auch, bestimmte Muster oder wiederkehrende Themen zu identifizieren, die für das Verständnis des Gesamttextes entscheidend sein können.

4. Der Themenkatalog

Im vierten Schritt werden aus der Stichwortliste verschiedene Themenbereiche extrahiert. Für ähnliche Sinnzusammenhänge werden Oberbegriffe gesucht, die das Gemeinte treffend bezeichnen. Dieser Schritt erfordert eine höhere Abstraktionsleistung und ist stark von den theoretischen Vorannahmen der Forschenden beeinflusst. Der Themenkatalog ermöglicht es, die Komplexität des Interviews zu reduzieren und die darin enthaltenen Informationen in eine strukturierte Form zu bringen. Dieser Schritt ist entscheidend für die Entwicklung eines tieferen Verständnisses der im Interview angesprochenen Themen und Konzepte.

5. Die Paraphrasierung

Die Paraphrasierung stellt eine weitere Interpretationsleistung dar, bei der die Subjektivität und Intuition durch die gedankliche Vorstrukturierung des Themenkatalogs ergänzt werden. Auf dieser Grundlage werden Themen zusammengefasst oder ein Thema wird detailliert ausgearbeitet. Dieser Schritt ermöglicht es, die im Interview enthaltenen Informationen in einen neuen Kontext zu stellen und sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die Paraphrasierung hilft, die Komplexität des Materials weiter zu reduzieren und die zentralen Ideen und Konzepte klar und verständlich darzustellen.

6. Die zentralen Kategorien, interviewspezifisch

Der letzte Schritt besteht darin, zentrale Kategorien aus der Integration der vorherigen Schritte zu entwickeln. Diese Kategorien sind als kleine Theoriebestandteile zu verstehen, die die weitere Auswertung strukturieren. Sie sind das Ergebnis der vorangegangenen Analyse und bilden die Basis für den Vergleich mit anderen Interviews. Dieser Schritt ist entscheidend, um die Einzigartigkeit jedes Interviews zu erfassen und gleichzeitig Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Interviews zu identifizieren. Die Entwicklung von zentralen Kategorien ermöglicht es, die im Interview enthaltenen Informationen in einen größeren theoretischen Rahmen einzuordnen und so zu einem tieferen Verständnis des untersuchten Phänomens beizutragen.

Der Unterschied zwischen dem Ansatz des zirkulären Dekonstruierens und der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring liegt vor allem in der methodischen Herangehensweise und dem Fokus der Analyse.

Zirkuläres Dekonstruieren vs. Qualitative Inhaltsanalyse

Zirkuläres Dekonstruieren:

  1. Prozess: Das zirkuläre Dekonstruieren ist ein iterativer Prozess, bei dem der Text schrittweise in kleinere Einheiten zerlegt und dann wieder neu zusammengesetzt wird. Es ist ein zirkulärer Prozess, bei dem die Forschenden immer wieder zum Text zurückkehren, um ihre Interpretationen zu verfeinern.
  2. Subjektivität: Dieser Ansatz betont die Rolle der Subjektivität und Intuition des Forschers. Die Interpretationen sind stark von den persönlichen Erfahrungen und dem Vorwissen des Forschers abhängig.
  3. Tiefe der Analyse: Das zirkuläre Dekonstruieren zielt darauf ab, tief in den Text einzutauchen und ein umfassendes Verständnis der darin enthaltenen Bedeutungen zu erlangen. Es geht um ein tiefes Eindringen in die Struktur und den Inhalt des Interviews.

 

Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring:

  1. Prozess: Mayrings Ansatz ist systematischer und strukturierter. Er umfasst klar definierte Schritte wie die Paraphrasierung, Generalisierung und Reduktion von Daten. Der Prozess ist weniger zirkulär und mehr auf die schrittweise Reduktion und Strukturierung des Materials ausgerichtet.
  2. Objektivität: Mayring legt großen Wert auf eine systematische und regelgeleitete Vorgehensweise, um die Objektivität und Nachvollziehbarkeit der Analyse zu gewährleisten. Die Interpretationen sollen so weit wie möglich von subjektiven Einflüssen des Forschers unabhängig sein.
  3. Breite der Analyse: Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist darauf ausgerichtet, eine breite Palette von Daten zu erfassen und zu analysieren. Sie ist besonders geeignet für die Analyse großer Textmengen und zielt darauf ab, allgemeine Muster und Strukturen in den Daten zu identifizieren.

Fazit

Das zirkuläre Dekonstruieren stellt einen innovativen und tiefgründigen Ansatz in der qualitativen Forschung dar. Die gilt insbesondere für die Analyse von Interviews. Durch seine schrittweise und iterative Vorgehensweise ermöglicht es Forschenden, ein umfassendes und nuanciertes Verständnis der in Interviews enthaltenen Inhalte und Strukturen zu erlangen. Diese Methode zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, die Tiefe und Komplexität menschlicher Erfahrungen zu erfassen, indem sie sowohl die subjektiven Perspektiven der Interviewten als auch die interpretativen Fähigkeiten der Forschenden in den Mittelpunkt stellt. 

Im Gegensatz dazu bietet die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring einen systematischeren und objektiveren Rahmen. Dieser eignet sich besonders für die Analyse größerer Textmengen und zielt auf die Identifizierung allgemeiner Muster und Strukturen ab. Beide Ansätze ergänzen sich in ihrer Zielsetzung und Methodik und bieten je nach Forschungsinteresse und -kontext unterschiedliche Vorteile. Das zirkuläre Dekonstruieren erweist sich als besonders wertvoll, wenn ein tiefes Eintauchen in individuelle Erzählungen und die Entdeckung verborgener Bedeutungsebenen erforderlich ist, während Mayrings Ansatz bei der Strukturierung und Generalisierung von Daten überzeugt. Insgesamt bereichert das zirkuläre Dekonstruieren die Landschaft qualitativer Forschungsmethoden durch seinen einzigartigen Fokus auf die iterative und subjektive Exploration von Interviewdaten.

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